Leica CEO Oliver Kaltner im Interview:

„Keine digitale Transformation ohne Startups“

Oliver Kaltner ist seit 2014 bei der Leica Camera AG und seit 2015 CEO des Unternehmens und findet den Zeitpunkt perfekt. Fotografie ist das Top-Thema im digitalen Umfeld, sagt der Leica Chef im Interview. Entsprechend sieht er viele Chancen für Kamerahersteller und -Entwickler optischer Engineering-Leistungen. Dieses Interview ist Teil unserer Serie im neuen „Future of Imaging“-Blog des Photoindustrie-Verbandes (PIV).

Alle reden von Digitalisierung – was macht Leica?
Wir verändern uns. Und die Strategie dieser Transformation ist eine relativ einfache Formel: Aus einer Hardware-Firma machen wir eine Hardware-, Software- und Services-Firma.

Was bedeutet das?
Wir positionieren uns nicht nur als Hersteller von Kameras und Objektiven, sondern treiben das Zusammenspiel von Leica-Kameras mit jeglichen Formen von mobilen Devices voran. Dazu gehört, Betriebssysteme in Kameras zu integrieren oder Cloud-basierte Service-Lösungen und App-Solutions im Imagingfeld zu entwickeln – auch mit Kooperationspartnern.

Ist der Weg vom Kamerahersteller zur Cloud nicht sehr weit?
Nein, bereits vor zwei Jahren sind wir mit der Online-Plattform „Leica Fotopark“ – einer webbasierten Storage- und Sharing-Lösung – in den Markt gegangen. Für Cloud-Dienste ist in erster Linie das Sharen entscheidend. Und nichts wird mehr geteilt als Fotos – vor allem über Smartphones.

Mobile Devices erlauben intuitives Fotografieren

Es wird auch mehr denn je fotografiert – dennoch jammert die Imagingbranche.
Vollkommen zu Unrecht. Es ist doch wunderbar, dass es durch Mobile Devices heute einen gänzlich intuitiven Umgang mit dem Thema Fotografie gibt. Und selbstverständlich endet Fotografie nicht beim Smartphone – die Kameraindustrie hat damit eine hervorragende Ausgangslage für entsprechende Weiterentwicklungen.

So wie Leica durch die Kooperation mit dem chinesischen CE-Riesen Huawei?
Durch die Technologiepartnerschaft mit Huawei haben wir ein Statement abgegeben: Wir sehen immense Chancen für traditionelle Kamerahersteller. Die Digitalisierung ist Fakt – man kann dagegen keinen Schutzwall errichten, sondern muss die neuen Möglichkeiten nutzen.

Leica hat als Premium-Hersteller eine recht komfortable Position. Unter dem Smartphone-Boom leiden ja vor allem Kompaktkameras und DSLRs …
Was keine große Überraschung ist, denn diese Tendenz zeigt sich bereits seit rund fünf Jahren. Zu Peak-Zeiten haben diese beiden Marktsegmente ein Gesamtvolumen von bis zu 100 Millionen Einheiten weltweit ausgemacht. Die brechen jetzt weg…

… und werden durch Smartphones ersetzt?
Genau. Und das bedeutet doch, dass wir mit Smartphones einen Markt hinzubekommen haben, der uns mehrere Milliarden Einheiten pro Jahr beschert.

Fantastische Kombination von Smartphone und Kamera

Was ist daran positiv für die traditionelle Kameraindustrie?
Es zeigt, dass Fotografie äußerst relevant ist und man eine hervorragende Kombination von Smartphone und Kamera herstellen kann. Verharrt man nicht in der Defensive, ist man nicht nur als Kamerahersteller, sondern als Erbringer optischer Engineering-Leistung perfekt zukunftsweisend aufgestellt.

Also ist das Smartphone keine Konkurrenz?
Für uns nicht, da wir unsere optische, mechanische und technologische Kernkompetenz einbringen können. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal – sozusagen die Leica-DNA. Diese Erkenntnis hat unseren Transformationsprozess ausgelöst und ist sicherlich auch für größere Konzerne denkbar, die erfahrungsgemäß ein bisschen unbeweglicher sind als mittelständische Unternehmen oder Startups.

Verabschiedet man sich langfristig von der klassischen Kamera?
Die optische Engineering-Kompetenz mündet nach wie vor in die Fertigung von Kameras und Objektiven – aber eben nicht nur für klassische Kameras, sondern auch für andere Formen und ganz neue Mobile Devices. Wir werden in naher Zukunft auch die Nachfolger von Smartphones sehen, so wie Smartphones Mobiltelefone abgelöst haben.

Offen für Kollaborationen

Welche Rolle spielen Startups bei der digitalen Transformation?
Ohne Startups wird es nicht möglich sein. Das größte Innovationstalent sitzt mittlerweile ja in Startups. Und wir sind sehr offen für Kollaborationen und bekommen viele Anfragen.

Gibt es konkrete Projekte mit Imaging Startups?
Wir haben einige Projekte in der Pipeline und intern ein fünfköpfiges Team gebildet, das neue Formen der Zusammenarbeit prüft. Ich selbst führe mindestens zwei Gespräche pro Woche mit Startups.

Welche Kooperationen sind möglich? Gibt es bald eine Leica-Handykamera oder eine VR-Brille?
Alles ist denkbar. Ob Drohnen, Virtual Reality oder viele weitere hardware- und softwaregetriebene Themen – all denen fehlt im Kern optisches Engineering. Selbst die coolste Software ist nichts ohne gute Optiken. Lassen wir uns mal überraschen, was daraus wird …

Imagingbranche muss Wissen teilen

Wie offen kann man dabei als etablierter Branchen-Player sein?
Das ist die größte Herausforderung für traditionelle Kamerahersteller. In der digitalisierten Welt muss man sein Wissen teilen. Fehlt diese Bereitschaft, dann lässt sich auch nicht am enorm reichhaltigen Wissen anderer partizipieren. So funktionieren eben Startups.

Auch die photokina hat sich für Startups geöffnet und mit der FUTUREZONE einen speziellen Bereich für junge Imaging Unternehmen eingerichtet.
Ein guter und wichtiger Schritt! Die Branche muss sich wandeln. Noch mal: Fotografie ist das Top-Thema im digitalen Umfeld. Deshalb dürfen nicht nur technologische Features und Marketingkennzahlen transportiert werden, sondern muss ein komplettes Lösungsspektrum angeboten werden. Mit Megapixel-Irrsinn kommt man nicht weiter – Digitalisierung hat mit Erlebnis zu tun und weniger mit Technik.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Kaltner.