Vom Big Screen zum Smartphone:

Visuelles Storytelling mit Videobooks

Patrick M. Müller ist Dokumentarfilmproduzent – eigentlich. Denn inzwischen ist er mehr damit beschäftigt, das Genre in die digitale Welt zu bringen. Der Gründer hat ein neues Format für visuelles Storytelling auf Mobilgeräten entwickelt, das bereits verschiedene Preise einheimste. Das Konzept klingt einfach – Filmmaterial wird mit Buchinhalten zu „Videobooks“ verschmolzen. Obwohl der Hype um Tablet-Publishing vorbei ist, hat der Schweizer damit eine Nische gefunden, die insbesondere auch bei TV-Sendern gut ankommt.

Eigentlich sucht man als Filmemacher doch die große Leinwand. Ihr geht den Weg vom Big Screen zum Tablet- oder Smartphone-Display. Wie kommt man denn auf die Idee?
Unsere Dokumentarfilme laufen ja im Kino oder Fernsehen. Aber wir waren an einem Punkt, an dem wir nicht mehr weiterkamen. Zudem haben wir während einer Filmproduktion realisiert, dass sich unsere dokumentarischen Geschichten doch bestens eignen, um sie auf mobilen Geräten zu erzählen. Da sind sie individuell abrufbar oder zu vertiefen und der Nutzer kann selbst entscheiden, welche Inhalte er wann konsumieren möchte.

Ist im Zeitalter von Youtube, Vimeo und boomenden Online-Videotheken ein Format, das Film mit Buch verbindet, überhaupt zeitgemäß?
Absolut. Ein Videobook ist vielschichtig und viel mehr als nur ein Film. Es ist wie ein Gesamtpaket, das aus Videosequenzen, Fotos, Text und interaktiven Grafiken eine abgeschlossene Geschichte macht, in die man einfach eintauchen kann. Wir geben dem Nutzer mit diesem Format ein ganz neues Erlebnis an die Hand, das die Stärken der einzelnen Medien verknüpft.

Und das auf Tablets oder Smartphones ausgerichtet ist?
Videobook ist nicht an ein bestimmtes Gerät gebunden. In erster Linie ist es eine neue lineare dokumentarische Erzählform, ein neues Format für Digital Storytelling mit einem klaren Anfang und Ende und in der Regel monothematisch. Das gibt dem Nutzer Orientierung im digitalen Inhalte- und Online-Dschungel. Grundsätzlich werden immer mehr Medieninhalte über Mobilgeräte konsumiert, jedes Jahr kommen Millionen von Geräten hinzu – durch Mobile Content eröffnen sich der Imagingindustrie ganz neue Möglichkeiten. Es wäre falsch, als Filmemacher nicht darauf zu setzen.

Aber der Hype um Tablet-Publishing ist doch schnell wieder abgeflaut?
Als die ersten Tablets auf den Markt gekommen sind, waren Großverlage euphorisch, haben viel Geld in diese neue Publikationsform investiert und sind nach kurzer Zeit wieder auf Null runter, da die schnellen Erfolge ausblieben. Da ist eine spannende Lücke entstanden, in der wir uns jetzt bewegen.

Habt ihr da nicht kalte Füße bekommen?
Wir haben neben den Videobooks nach wie vor klassische Dokumentarfilme gedreht. Für mich war es auch nicht neu, Startup-Unternehmer zu sein – als Filmproduzent muss man ja auch ständig Geld auftreiben, um Projekte zu realisieren. Dennoch braucht man sehr viel Mut und muss vor allem von Paradigmen loslassen können – der Kinodokumentarfilm verabschiedete sich ja leider aus den Kinosälen. Und jetzt rennen wir mit unseren Videobooks bei Fernsehsendern und Publishern offene Türen ein. Das ist eine Erfahrung, die ich als klassischer Dokumentarfilmer gerne mal gemacht hätte (lacht).

Was versprechen sich TV-Stationen davon?
Fernsehsender haben großes Interesse daran, ihre Archive neu zu verwerten. Das Material, das da so schlummert, kann aber nicht einfach 1:1 verwendet werden. Es muss aufbereitet werden für neue Formate wie eben Tablets. Videobooks mit ihrer multimedialen, linearen Erzählweise sind da ein sehr effizientes Mittel. Auch für neue Formen des Content-Sponsoring ist dieses Format interessant. Vor allem mit dem Schweizer Fernsehen haben wir bereits verschiedene, auch preisgekrönte Projekte realisiert.

… und auch Auszeichnungen wie den „Deutschen eBook Award“ eingeheimst.
Ja, auch das bestärkt natürlich sehr. Im Apple App Store waren wir zum Beispiel als „Best of Apps“ gefeatured. Ein toller Erfolg für so eine kleine Firma. Inzwischen trauen wir uns, auch mal in Vorleistung zu gehen, um wichtige Projekte zu verwirklichen. Wenn wir eine fesselnde Geschichte haben, wollen wir die auch erzählen.

Aber das kann natürlich auch mal schiefgehen…
Als Unternehmer geht man immer das Risiko ein zu scheitern. Da darf man nicht zu hasenfüßig sein. Das ist natürlich schwieriger in der Schweiz, wo eine ähnliche Fehlerkultur herrscht wie in Deutschland und oft der Mut fehlt. Wir haben auch keine vernünftige Startup-Szene hier. In den USA ist das ganz anders, da zählt ja auch schon der Versuch und nicht nur der Erfolg.

Auch die photokina setzt verstärkt auf neue Imagingkonzepte. Was meinst du dazu?
Enorm spannend. Wir setzen ja voll auf Visual Storytelling – und alles, was die damit verbundenen kreativen Prozesse unterstützt, hilft uns. Früher war die Technologie die Einstiegshürde, heute ist alles viel offener und die Bildproduktion dank solcher Konzepte so vielfältig wie noch nie. Das wiederum ermöglicht neue Ansätze in der Verwertung, wie eben Videobooks.

Bist du mit Videobooks auf der photokina 2016 dabei?
Im Dokumentarfilmbereich hatten wir vor allem unsere eigenen Festivals und Märkte. Nun ist es aber gerade spannend, wie wir mit Videobooks Disziplinen-übergreifend agieren und uns auch auf anderen Märkten bewegen müssen. Als Aussteller sind wir in diesem Jahr leider noch nicht präsent, aber für einen Spontanbesuch will ich mir auf jeden Fall die Zeit nehmen.

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Links:
http://www.videobooks.com/
http://www.docmine.com/videobooks-home